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  • Rosa

Marseille (FR) - Calanque de Sormiou (FR) - Saint-Mandrier-sur-Mer (FR)

Am 04.08.2021 wachten wir morgens im Hafen von Marseille bei Regen auf. Da für den ganzen Tag durchgehend Regen vorhergesagt war, stellten wir uns auf einen Hafentag in Marseille ein. Vormittags bekamen wir eine Nachricht von der Segelmacherei, dass unsere Genua fertig ist. Also sind wir losgelaufen, haben das Segel abgeholt und ausprobiert und der neue Keder passte perfekt. Wir waren erleichtert, so schnell und unkompliziert das Problem gelöst bekommen zu haben! Der Segelmacher gab uns außerdem Latten fürs Großsegel, um zu testen ob die Breite passt. Leider waren die Latten zu breit und wir mussten sie beim Segelmacher nochmal gegen dünnere tauschen. Dann passte endlich alles und wir konnten bezahlen. Der Segelmacher wollte 190 Euro für die Segeländerung und die Latten. Da es keine Rechnung gab (oh Wunder, oh Wunder) und wir nicht mal eine handschriftliche Notiz bekamen, weiß ich nicht wie sich der Preis zusammensetzte. Ich schätze mal 100 Euro fürs Segel, 10 Euro für die Latten und 80 Euro obendrauf weil wir keine andere Wahl hatten. Es war zwar teurer als erhofft aber immerhin ging es schnell und er zog unser Segel seinen anderen Aufträgen vor.

Oskar arbeitete, ich bastelte ein Obstnetz und ging in die Stadt. Ich kam an einem Bäcker vorbei, vor dessen Tür im Regen eine lange Schlange stand Ich wusste zwar nicht, wofür die Leute anstanden aber ich reihte mich auf gut Glück ein. Vielleicht würde ich hier ja etwas ganz besonders köstliches entdecken? Schnell stellte ich fest, dass der Bäcker auf sog. „Navettes“ spezialisiert war. Es gab auch ein paar Kekssorten zu kaufen aber alle Kunden verlangten Navettes und bekamen gelbe Tüten mit unklarem Inhalt über die Theke gereicht. Als ich an der Reihe war, bestellte ich vorsichtig sechs Navettes (die Kunden vor mir kauften ein Vielfaches davon), bezahlte und ging aus dem Laden. Draußen schaute ich neugierig in die Tüte: drin waren sechs blasse Gebäckstangen mit einer Rille, die trocken, steinhart und staubig aussahen. Ich probierte und ja, sie waren tatsächlich trocken, steinhart, staubig und schmecken außerdem nach Seife. Im Internet las ich später, dass die Navettes eine Spezialität aus Marseille sind, ich zufällig im ältesten Navettes-Bäcker Marseilles gelandet bin und der Seifen-Geschmack durch Orangenblütenaroma und Anis entsteht. Da mir die Navettes überhaupt nicht schmeckten, ging ich zur nächstgelegenen Patisserie und kaufte „richtige“ Leckereien. Oskar schmeckten die Navettes leider auch nicht und somit sind sie nun als Reserveproviant in einem Schrank gelandet.

Als der Regen in Marseille abends nachließ machten wir einen Spaziergang durch die Stadt, kochten dann Abendessen und machten einen Filmabend unter Deck.


Am 05.08. bereiteten wir alles fürs Segeln vor, fuhren an einer Bootstankstelle tanken und dann aus Marseille raus. Uns erwarteten erstaunlich hohe, teils brechende Wellen (ca. 1,5 bis 2m, manchmal höher) und starker Wind. Bei etwa 20-25 Knoten Wind mit stärkeren Böen segelten wir zu den Calanques. Wir waren zwar mehr als vorsichtig (ein Reff im Großsegel, die Genua nur zum Teil ausgerollt, Rettungswesten und Lifebelts mit denen wir ständig irgendwo eingehakt waren) aber waren trotzdem die ganze Zeit angespannt. Die hohen Wellen und der starke Wind zeigten zwar, dass das Boot und die Segel robust sind aber machten nicht wirklich Spaß. Bei 5-6,5 Knoten Geschwindigkeit fuhren wir 14,5 nm zur Calanque de Sormiou, eine schöne Bucht mit türkisblauem Wasser und steilen Klippen. Es ankerten schon ein Dutzend Boote in der Bucht und wir legten uns dazu. Die Wassertiefe war 10-12m, näher am Ufer durfte man leider nicht ankern. Unsere ersten drei Ankerversuche schlugen fehl, da der Anker driftete. Beim vierten Versuch klappte es, wir blieben aber misstrauisch und schauten aller paar Minuten ob der Anker noch hält. Obwohl die Bucht durch die Klippen windgeschützt sein müsste, war es sehr windig und böig. Ein ruhiger Ankerplatz sieht anders aus aber bei dem Wind würden wir keinen besseren finden. Nachdem wir das Chaos, das durch die Schräglage entstanden war (siehe Fotos) aufgeräumt hatten, verbrachten einen entspannten Nachmittag mit arbeiten (Oskar) und lesen (Rosa) in der schönen Bucht. Leider blieb es abends und nachts windig und die Wellen kamen fies von der Seite, so dass unser Boot hin- und her rollte. So wurden wir die ganze Nacht durchgeschaukelt und wachten ständig auf. Immerhin hielt unser Anker und bestand somit seine Premiere.


Am Freitag, den 06.08. fuhren wir morgens um 9 Uhr von unserem Ankerplatz los. Das Wetter war herrlich mit Sonnenschein, blauem Himmel und einer frischen Brise. Kurz nach unserer Abfahrt war der Wind noch schwach, so dass Oskar einen Drohnenflug machte. Kaum war die Drohne abgehoben, flog sie auch schon in die Wanten und verlor bei zwei Flügeln die Spitze. Zum Glück konnte sie trotz Handicap noch fliegen. Aber beim Landemanöver verhedderte sie sich im Großsegel und landete beinahe im Wasser. Das war knapp! Aber es hat sich gelohnt und Oskar hat schöne Fotos vom Boot gemacht.

Bei etwa 10-15 Knoten Wind segelten wir durchschnittlich 4 Knoten und erreichten um 16:45 Uhr Saint-Mandrier-sur-Mer. Es war ein großartiger Segeltag und wir beide hatten viel Spaß.

Saint-Mandrier-sur-Mer ist ein hübsches kleines Örtchen mit einem riesigen Hafen voller Segelboote. So stellt man sich die Côte-d‘Azure vor: Fischerboote und ein Fischmarkt, kleine Häuschen in Pastellfarben oder Terrakotta, eine kleine Promenade mit Palmen und viele Boote. Abends tranken wir einen Aperitif mit Emmanuel und seiner Frau, zwei Franzosen, die mit ihrem 37-Fuß-Segelboot im Hafen neben uns lagen. Mit einer Mischung aus Französisch und Englisch schafften wir es irgendwie uns zu verständigen. Sie gaben uns viele Tipps zum Segelgebiet und wir besichtigten gegenseitig unsere Boote. Sie haben „nur“ 10 Fuß mehr Länge, das ermöglicht aber drei Schlafzimmer, eine geräumige Küche, einen Navigationsplatz und zwei Bäder. Aber: auch unsere 27 Fuß sind genug für eine tolle Reise zu zweit.

Wir sprachen mit Emmanuel darüber, dass es für uns sehr angenehm ist, dass wir überall die einzigen deutschen Touristen sind (ein Boot mit deutscher Flagge haben wir schon seeeeeehr lange nicht mehr gesehen). Er meinte, dass wir keine normalen Touristen sind, sondern Reisende. Das gefällt mir!