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  • Rosa

Lyon (FR) Teil II

Am 19.07.2021 fuhren wir morgens mit dem Zug von Berlin nach Lyon. Es ist schon absurd, dass wir für die Strecke Berlin-Lyon mit dem Boot 51 Tage gebraucht haben und nun die Fahrt innerhalb von guten zehn Stunden mit dem Zug zurücklegten… In der letzten Woche gab es in Deutschland, Belgien, der Schweiz und angrenzenden Regionen durch heftigen Regen extremes Hochwasser, was viele Menschenleben gekostet und ganze Ortschaften zerstört hat. Aus dem Zugfenster sahen wir viele Flüsse und Kanäle mit Hochwasser und auch die Saône war mehr als dreimal breiter als ihr eigentliches Flussbett. Wir wurden somit immer nervöser, wie es wohl unserem Boot im Hafen geht und ob alles in Ordnung ist.

Gegen 20 Uhr kamen wir im Bahnhof Perrach an. Als wir von Weitem unser Boot im Hafen sahen, fiel uns ein Stein vom Herzen: es ist immerhin nicht untergegangen! Doch sobald wir an Bord waren und alles kontrollierten, verflog unsere Anspannung, denn alles war in bester Ordnung und wie wir es zurückgelassen hatten. Puh, Glück gehabt! Es ist schön, wieder unsere April als Zuhause zu haben! Abends machten wir einen Spaziergang zur Rhône und zur Saône. Beide waren reißende Flüsse mit beängstigender Strömung und hohem Wasserpegel. Wir waren sehr froh, dass wir unser Boot im Hafen Confluence gelassen haben, denn da der Hafen in einer kleinen Bucht liegt, ist er sehr geschützt. Hätten wir an einer Quaimauer oder einem Hafen am Flussufer angelegt, dann wäre unsere April der extremen Strömung und dem Treibgut ausgesetzt gewesen. Das hätte gefährlich werden können! Wir hatten schon online gelesen, dass die Rhône zur Zeit für die Schifffahrt gesperrt ist und von Till und Elke wussten wir, dass auch die Saône zur Zeit nicht befahren werden darf. Wenn man nun die Flüsse live sieht, dass ist die Sperrung absolut angemessen und es kann noch einige Tage dauern, bis wir unsere Reise fortsetzen können…


Am 20.07. stand Oskar früh auf und arbeitete im wiedergewonnenen Boat-Office. Als der Hafenmeister um 11 Uhr kam, besprachen wir mit ihm die Situation. Er hat noch nie ein solches Hochwasser gesehen und insbesondere im Juli ist ein solcher Wasserpegel höchst ungewöhnlich. Letzte Woche stand das Wasser bis zum Hafenbüro, so dass sie Wasserbarrieren vor den Türen und Fenstern errichten mussten. Er zeigte uns Fotos: der Schwimmsteg, an dem unsere April festgemacht war, war letzte Woche auf der Höhe des Fußweges und ein Teil des Fußwegs stand unter Wasser. Die Rhône hat zwar einen abnehmenden Pegel aber strömt immer noch mit ca. 3000 m2/s und hat deutliches Hochwasser. Der Hafenmeister schätzt, dass es noch vier bis fünf Tage dauert, bis wir weiterfahren können. Aber wir denken, dass wir mit unserem kleinen Bötchen noch ein paar Tage länger warten sollten, schließlich wollen wir erst losfahren, sobald sich die Situation entspannt hat.

Ich ging einkaufen, Oskar arbeitete und wir beide schwitzten bei ca. 30 Grad und prallem Sonnenschein. Abends um 20:30 Uhr waren wir wieder bei meiner Gastfamilie eingeladen. Dieses Mal waren auch die Kinder Maÿlis und Hilaire und zwei Freunde von Hilaire da. Es war ein vergnügter Abend mit Croque Monsieur und wir haben uns wieder sehr wohl gefühlt. Eine wunderbar freundliche Familie, wir waren wieder begeistert von ihrer Offenheit und Herzensgüte!


Am 21.07. arbeitete Oskar wieder, ich vertrödelte den Tag. Da wir noch mehrere Tage in Lyon bleiben würden um auf einen sinkenden Wasserpegel zu warten, buchten wir ein Mietauto für vier Tage. So können wir mit dem Auto die Umgebung erkunden! Am Nachmittag fuhren wir mit der Metro in die Stadt und spazierten durch Croix-Rousse. Das Stadtviertel ist an einem Hang gebaut und war früher das Wohn- und Arbeitsviertel der Seidenweber, die Lyon Anfang des 19. Jahrhunderts zur wichtigsten Arbeiterstadt Frankreichs machte. Das Viertel ist durch die vielen engen und steilen Gassen sehr sehenswert. Zwischen vielen Häusern verlaufen sogenannte „Traboules“. Dabei handelt es sich um Passagen bzw. Treppenhäuser, die Abkürzungen zwischen Straßen und Häusern waren. Früher dienten die Traboules dazu, die Transportwege zwischen den Manufakturen zu verkürzen und die kostbaren Stoffe vor dem Regen zu schützen. Heutzutage kann man viele der Traboules immer noch durchqueren und so beispielsweise von einer Straße in einen Hinterhof gelangen, dort über eine Treppe das Stockwerk wechseln, dann über einen Flur durch einen Teil des Hauses laufen und tritt dann in einer anderen Straße weiter unten am Hang wieder aus der Traboule. In Lyon verstecken sich sehr viele solcher Traboules und wir hatten viel Spaß dabei, sie zu entdecken und zu durchqueren.

Von Croix-Rousse aus liefen wir in die Altstadt, gingen Eis essen und dann zurück zum Hafen. Dort wurden wir von Jelena und Jakub, die mit ihrem Segelboot „Vanity“ ebenfalls in Lyon feststecken, zu einem Aperitif an Bord eingeladen. Die beiden stammen aus Schweden und sind wie wir über die Kanäle (aber eine andere Route) auf dem Weg ins Mittelmeer. Ihr Boot „Vanity“ ist 38 Fuß groß, sehr geräumig und hat ein schönes Cockpit zum Sitzen. Außerdem kam Stephane, ein Motorbootbesitzer und zu fünft hatten wir einen unterhaltsamen Abend.

Zum ersten Mal auf unserer Reise haben wir Leute in unserem Alter getroffen, die mit einem Boot unterwegs sind! Diese Gelegenheit wollen wir uns nicht entgehen lassen und fragten Jelena und Jakub, ob sie uns am nächsten Tag nach Annecy begleiten möchten. Sie sagten zu- das wird ein schöner Tag zu viert!