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  • Rosa

Huy (BE) - Dinant (BE) - Givet (FR) - Revin (FR)

Am 08.06.2021 verließen wir morgens um 7:30 Uhr den Hafen von Huy. Das Wetter war wieder sommerlich warm mit Sonne und Wolken- so kann es gerne in den nächsten Wochen bleiben! Wir fuhren 32nm durch die Wallonie in Richtung Frankreich. Nach dem industriellen Abschnitt von Maastricht nach Huy floss die Meuse nun durch malerische Landschaft. Hinter Huy wurde es überraschend bergig und an beiden Uferseite waren den ganzen Tag lang satte Laubwälder und schroffe Felsen. Ab Namur ist die Meuse nur noch wenig von Berufsschifffahrt befahren. Seit Oranienburg bei Berlin sind wir nun endlich wieder auf einem kleinen Fluss ohne ständig Schubverbänden zu begegnen. Auf der Fahrt von Huy nach Dinant passierten wir 8 Schleusen, die immer kleiner wurden je weiter wir uns von Namur entfernten. Wir genoßen die Fahrt durch die idyllische Landschaft und die kleinen Orte und Oskar ging sogar zwischendurch schwimmen.

Abends kamen wir in Dinant an. Hier konnten wir an einem kostenlosen Liegeplatz anlegen und hatten einen spektakulären Blick auf die Stadtkulisse mit der Stiftskirche Notre-Dame und die Zitadelle der Stadt. Dinant ist die Geburtsstadt von Adolphe Sax, der das Saxophon erfand und 1846 als Patent anmeldete. Wir spazierten durch die kleine Stadt, die scheinbar mehr Saxophon-Skulpturen als Einwohner hat und aßen abends mit Blick auf die bunte Häuserfront von Dinante bei uns an Deck.


Am 09.06. fuhren wir morgens von Dinante los. Wir beide waren uns einig: die Strecke vom Dinante zur französischen Grenze war die bisher schönste unserer ganzen Reise. Wie schon am Tag zuvor waren die Uferseiten von Laubwäldern und Felsen gesäumt und die Meuse schlängelte sich durch die Täler und Orte. Es war kaum Schiffsverkehr unterwegs und die Landschaft war wie gemalt. Kurz hinter der französischen Grenze war die Schleuse vom Givet. Der freundliche Schleuser ließ sich unsere Vignette zeigen, die man für die Benutzung der französischen Wasserstraßen benötigt und gab uns eine Fernbedienung für die kommenden Schleusen. Da die Meuse viele Schleusen hat aber ab Givet keine Berufsschifffahrt mehr fahren kann, sind die nächsten Schleusen zur Selbstbedienung ausgelegt. Dazu gab er uns mehrere Flyer mit Erklärungen und fragte uns nach unserem Tiefgang. Unsere April ist 1,30 m tief und der Minimaltiefgang für die Meuse ab Givet bei aktuellem Wasserpegel ist… 1,30 m. Wir haben also eine Punktlandung geschafft und konnten passieren. Ich habe eine Hypothese aufgestellt: je kleiner die Schleusen sind, desto netter sind die Schleuser. Mal schauen, ob es so bleibt.

Obwohl die Grenze zwischen Belgien und Frankreich nicht klar zu erkennen ist, veränderte sich ab der Grenzschleuse überraschend schlagartig die Umgebung. Die Häuser hatten bunte Fensterläden und waren entweder charmant schäbig oder herausgeputzte Villen, es waren Rennradfahrer unterwegs und die Luft fühlte sich schwüler an. Es war, als hätte jemand einen „Sommerferien“-Schalter angeknipst und auch wenn es uns ein bisschen merkwürdig vorkam, so waren ein paar Kilometer doch der Eintritt in eine andere Urlaubswelt.

In Givet kamen wir am frühen Nachmittag an. Die Stadt ist klein aber hat eine große Schwimmsteganlage als Stadthafen. Wir legten an und stellten direkt fest, dass das Hafenbüro verschlossen und wahrscheinlich schon seit langem nicht mehr besetzt war. Ich fragte eine ältere Dame und sie meinte auf Französisch, dass wir die ersten sind und sie auch nicht weiß, was mit dem Hafenbüro ist. Ich bezog ihre Aussage, dass wir die ersten seien auf den heutigen Tag, schließlich hatte sonst noch niemand angelegt. Aber als im Verlauf des Tages kein weiteres Boot kam und es in der Stadt so wirke, als wären wir zwei Außerirdische, interpretierte ich ihre Aussage anders. Wir sind nicht an diesem Tag die ersten, sondern insgesamt die ersten, die in dieser Saison mit dem Boot anlegten. Die kleine Stadt hat (vermutlich durch Corona verschärft) in diesem Jahr bisher keine oder nur kaum Touristen angelockt und wir genossen es, in einem so normalen Ort in Frankreich zu sein. Givet hat eine kleine Altstadt und eine Zitadelle, hat aber nichts herausstechendes oder bemerkenswertes. Gerade wegen dieser Normalität fühlten wir uns wohl, auch wenn wir im Supermarkt auffielen und wahrscheinlich die halbe Stadt beim Abendessen darüber redete, dass das erste Boot angelegt hat.

Wir zelebrierten den ersten Abend in Frankreich mit vielen Leckereien: Brie de Meaux, Weintrauben, zwei verschiedene Pâté, Garnelensalat, ein Bouchée à la Reine, Salami und natürlich Baguette. Köstlich!


Am 10.06. wurden morgens, als wir uns für die Weiterfahrt fertig machten, am Steg in Givet Säulen für Strom und Wasser installiert. Es scheint, als wäre nun am heutigen 10.06. der Startschuss für die Saison gefallen. Ob es dann wohl auch einen Hafenmeister gibt? Oder bleibt der Liegeplatz umsonst, da es niemanden gibt der das Geld entgegennehmen würde?

Wir fuhren die Meuse weiter bergauf. Der vorherige Tag, den wir als den schönsten der bisherigen Reise bezeichnet haben, war im Vergleich zu diesem Tag nur auf dem zweiten Platz. Die Strecke ab Givet wurde noch verwunschener, einsamer und idyllischer, wir fuhren kleine Seitenarme der Meuse entlang und wurden von grünen, gelben und blauen Libellen an Bord besucht. Unterwegs begegneten wir während der 18nm nach Revin nur zwei anderen Booten. Wir passierten neun kleine Schleusen, davon bedienten wir sechs selbst, was erstaunlich gut funktionierte. Wir erlebten eine Prämiere für uns beide: wir fuhren zum ersten Mal durch einen Kanaltunnel. Um eine Abkürzung für Boote zu schaffen, wurde zwischen 1874 und 1882 der Tunnel de Ham-sur-Meuse durch einen Berg verlegt. Er ist 3,60m hoch (wir sind knapp 3m hoch), 6,40m breit (wir sind 2,50m breit) und 565m lang. Es war seltsam, mit dem Boot auf ein kleines, halbkreisförmiges Loch im Berg zuzufahren. Wir wurden bei der Einfahrt von dem engen Tunnel verschluckt, da es keine Belechtung oder Markierungen am Rand gab. Nach ca. 150m wurde es unheimlich dunkel und das Tropfen von der Decke erinnerte an eine Tropfsteinhöhle und zugleich an eine Kulisse für ein Gruselkabinett. Glücklicherweise konnte man während der Durchfahrt stets das Ende des geraden Tunnels sehen. Ich malte mir aus was wohl passiert, wenn es Gegenverkehr gibt aber da vor und hinter dem Tunnel jeweils eine Schleuse ist, kommt es zu dieser Situation wahrscheinlich nicht. Kurz vor Revin kamen wir nochmal durch einen Kanaltunnel durch, dieser war aber nur 224m lang und dadurch angenehmer.

In Revin legten wir an einem kleinen Anlegesteg an, der zugleich ein Hafen mit Duschen, Toiletten, Wasser, Strom etc. war. Für nicht mal 10 Euro und fantastischer Aussicht ein wahrer Glücksgriff!

Die Lage von Revin zwischen der Meuse und den waldbewachsenen Bergen ist zwar schön, ansonsten ist es aber keine besondere Stadt. Wir gingen einkaufen, ich kochte Risotto und der Abend verging mal wieder wie im Flug.